Wieder unterwegs


Ich saß träumend am Frühstückstisch und stellte fest, der Gedanke, gleich wieder loszulaufen und die Wanderung wieder aufzunehmen, erschien mir unwirklich.
Ich hatte mich so sehr drauf gefreut und nun, da es in wenigen Minuten losgehen sollte ....?
Man konnte es nicht beschreiben.

Schnell noch abwaschen, die Wegzehrung eingepacken, die Schuhe an.
Als ich die Jacke über zog, läutete das Telefon. Sollte es doch läuten, wir waren ja schon nicht mehr da. Oder wollte sich unsere Tochter, unser Sohn noch schnell melden und Glück wünschen?
Zögern nahm ich ab und hatte einen Künstler am Telefon, der mich um Hilfe bat. Geht jetzt nicht, ich war doch eigentlich schon weg. Er verstand und doch redeten wir eine Weile.
Etwas zu lange, wie sich nach unserem Gang durch die Stadt zum Bahnhof herausstellte. Der Zug war gerade weg.

Wir nutzten die Zeit, schauten uns einfach am Bahnhof mit „fremden Augen“ (durch das Objektiv unserer Kameras) um.
Nein, es war kein schöner und auch kein interessanter Ort. Keiner, der neugierig auf die Stadt dahinter machen würde. Ich kenne wundervolle Bahnhöfe, Orte die ein Versprechen ausdrücken. Dieser hier war kalte Sachlichkeit. Es wurde wirklich Zeit, dass dieser Ort "verschönert" werden würde.


Bevor ich traurige Gedanken entwickeln konnte, fuhr der Zug ein. Ein neuer, ein eleganter Zug. Den mochte ich. Wir stiegen ein, er nahm Fahrt auf, folgte ruhig seinem Schienenstrang.
Das Gefährt brachte uns bis Roermond, wo wir warteten, weil wir umsteigen mussten und nochmals eine Stunde später waren wir endlich in Susteren, der Bahnstation an der wir beim letzten Mal gestoppt hatten.
Gut, dass wir unsere "Gefüllten Rote Bete-Sesambrötchen" in der Tasche hatten.

Wir liefen hinaus auf den Vorplatz – und waren wieder auf der Strecke!

Eintauchen in die Landschaft, erste Gesprächen über den Gartenzaun mit Anwohnern. 
Wohin, warum und wieso sind die Fragen, die wir beantworten mussten und erfuhren bei diesem Austausch etwas über den Weg. Er wurde vielfach verschoben: "...wegen des Tourismus", wie ein Herr wusste, "... damit alle was von den Einkünften des Tourismuskuchens haben, jetzt wo das Pilgern doch wieder so modern ist."

 

Die Temperatur stieg an und mit ihr sehr deutlich auch unserer Laune. 
Die Landschaft wurde langsam sanft wellig.
Und ganz plötzlich waren wir auf deutschem Grundgebiet. Das stand so aber nicht im Gids. Sollte dies einer der „Umlegungen“ des Weges sein? Zumindest sind die Jacobswegmarkierungen überdeutlich an den Kreuzungen angebracht.
Der Ort direkt an und auf der Grenze heißt Millen. Hier trafen wir zwei Damen.
Sie saßen im Schatten eines Baumes auf einer Bank. Richtig breit hatten sie sich gemacht und irgendwie wichtig. Sie rückten keinen Millimeter und packten auch nicht ihre ausgebreiteten Futteralien zur Seite.

Auf unsere Frage erfuhren wir, dass sie pilgern.
"Wir auch",
...sie seit Groningen.
"Wir seit Venlo. Auch bis Santiago?"
"NEIN – WAS – wir sind auf dem Pieterspad, fast geschafft. - Jacobsweg?"

Vom Jacobsweg hatten die Damen noch nie etwas gehört. Dass hier die Strecken parallel laufen wussten sie nicht. Derzeit hatten sie Probleme mit den Karten. Zwar hatten sie die gleichen Bücher, aber verschiedene Ausgaben und somit auch eine unterschiedliche Streckenführung.
Wir erzählten von der Geschichte des Herrn am Gartenzaun.
Sie waren gar nicht amüsiert und man merkte, wir waren ihnen lästig. Scheinbar zu wenig vergeistigt, irgendwie nicht richtig gläubig, viel zu lässig und nahmen das Ganze deutlich in ihren Augen nicht ernst genug. Schade, man hätte die nächsten Kilometer doch einfach zusammen gehen können.

"Wie halten Sie es mit den Übernachtungen?", fragte uns die Ältere. Sie saßen dabei noch immer breit auf der Bank und wollten keinen Platz für uns einräumen. "Ist ja schon schwierig."
Dass wir uns auf kleine Hotels, Herbergen, Pensionen, Gasthöfe und sogar die Jugendherberge als Schlafplatz einließen. Nein! Das war dann auch wieder nicht das, was sie unter pilgern verstanden. Sie wollten es spartanisch in den Herbergen.
"Und wo essen sie so?", erkundigte sich die Jüngere.
"Wir entdecken die regionale Küche. Einfach auf Empfehlungen hören und probieren. Ich schreibe wenn möglich die Rezepte der Gerichte auf", erklärte ich.
Beide Damen schnaubten pikiert auf. "Das ist doch wohl so gar nicht der Sinn einer solchen Strapaze", meinte die eine spitz. "OK, dann noch einen schönen Tag, gute Reise" und weiter ging es für uns.


Wir trotteten nach Sittard, liefen dabei unbemerkt zwischen Obstbäumen und Kartoffelfeldern wieder zurück in die Niederlande.

 

Eine Hungerattacke überfiel uns. Die gefüllten Mini-Brötchen waren schon lange verspeist und ein Müsliriegel war nicht so der Bringer. 
In der Fußgängerzone war eine kleine Brötchenbar mit Stühlen davor. Genau das, was wir jetzt brauchten und dabei so schön den Leuten beim hektischen Alltag zusehen konnten.

 

Doch schon bald ging es weiter durch traumhafte Natur in Richtung Geleen. 
Der Boden warf sich immer mehr zu kleinen Hügeln auf. Wir trollten am Geleenbeek längs und beobachteten eine Entenmutter mit ihren Flauschküken. Auf einer Bank ein älteres Ehepaar und mit ihnen das nächste Gespräch über Wandern und Leben. 
Sie hatten viel Zeit, zu viel Zeit. "Träume? Nein, dazu muss man ja jung sein!"


Danach ging es ins wirkliche Hügelland, mit seinen Hohlwegen, die teilweise richtig steil sind. Oben hatten wir eine sensationelle Aussicht und - eine Bank, auf der uns die bereits Sitzenden bereitwillig im Tausch gegen ein gutes Gespräch gerne Platz machten.
Wir erfuhren von einer kleinen Pension im nächsten Dorf hinter dem nächsten Hügel. Also wieder aufgerappelt, die paar Meter wollten wir locker schaffen. 


 

Wir landeten im traumhaften Munstergeleen mit seinen Fachwerkhäusern. In einem dieser Traumhäuschen die Pension. Aber hier wurde auf unser Klingeln nicht aufgemacht und das Hotel am Fuße des Berges war schon ausgebucht, wie auch ein weiteres.
Und dann vertrat sich der Mann an meiner Seite auch noch den Fuß. "Aber", so beteuerte er, "nicht weiter schlimm."


Wir wanderten also einfach weiter. Tranken in Geleen auf dem Marktplatz eine Tasse Kaffee und fragten die Bedienung und ihre Kollegin nach einem Schlafplatz. Aber die Beiden konnten uns nicht weiterhelfen.
Ein junger Mann am Nebentisch hatte unsere Bemühungen verfolgt. Er telefonierte für uns und fand via, via ein Zimmer, welch ein Glück.
Wir mussten nur weiter bis Beek. Der Freund eines Freundes führte dort ein Hotel und hatte ein freies Zimmer für uns. "Kein Dank", es war ihm eine Freunde uns zu helfen. "So Leute, die bis Santiago wollen, heute, zu Fuß, die träfe man nicht alle Tage. Aber bitte stecken Sie für mich vor Ort eine Kerze an."
Ich notierte auch diese Bestellung, die erste auf dieser Etappe, in meinem Wander-Tagebuch.

 

Der Hotelier erwartete uns bereits. Er war unglaublich erleichtert, dass wir ihn gefunden hatten. Sein Hotel war neu und lag in der Tat etwas versteckt. 
Später mussten wir, nachdem wir unser Zimmer eingerichtet hatten, auf der Terrasse seines Hotels bei einem "Echten Limburger Bier" von unserem Tag und der Suche nach einem Hotel berichten.

Leider konnten wir nicht bei ihm essen, aber er wusste 200 m weiter ein gutes kleines Restaurant. Wieder ein Freund, was täte die Welt ohne sie. Er rief für uns dort an und reservierte.
Die Spezialität an diesem Abend waren "Frietjes met Zuurvlees". Es ist eine Spezialität der Region. Und hier erhielten wir, nachdem wir abgerechnet hatten, eine kleine Flasche Wein geschenkt. Geste unter Freunden!
Ein göttliches Betthupferl.


Gute Nacht Beek ... unter diesem Bild.
Aber ... wir hatten unseren heutigen Schlafplatz nach 20,5 km erreicht. Nicht schlecht für einen ersten Tag. Mehr Kilometer sollten es dann auch nicht sein.

"Wie es wohl den beiden Damen geht?"

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